Hans Sonderegger

 

Die Ufer verändern sich mit der Zeit, aber der Fluss bleibt derselbe.

Ich habe mir ein wenig Zeit gelassen, um darüber zu schreiben.

Am 07. Januar ist Hans Sonderegger verstorben.
Für viele im therapeutischen Bereich war Hans ein bedeutender Lehrer, ein Vor- und Querdenker in Sachen Wahrnehmungsstörungen und im Bereich des interdisziplinären Arbeitens. Ohne ihn hätte ich das Thema Wahrnehmungsstörungen und “geführte Interaktion” nicht entdeckt.
Ohne ihn wäre mir mein Beruf nicht so derart vielseitig in Erscheinung getreten.

Als er im vergangenen April für eine Woche lang in unserer Klinik eine Fortbildungsveranstaltung durchführte, hatte ich Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen. Ich war von Hans Sonderegger sehr beeindruckt. Er war sehr vielseitig interessiert, hatte einen feinen Humor und ein gutes Gespür für die Menschen um ihn herum. Nicht nur sein Wissen und seine Ideen, sondern besonders seine Herzlichkeit zeichneten ihn aus.

Kollegen von ihm haben einen Nachruf geschrieben, der Hans sehr gut beschreibt.

Hans Urs Sonderegger (Juli 1946 – Jänner 2012)
Ursula M. Costa
Am Abend des 7. Jänners dieses Jahres ist Hans U. Sonderegger nach kurzer, schwerer Krankheit in Hall in Tirol verstorben. Der gebürtige Schweizer bereicherte auch die österreichische therapeutische Arbeit    für    Kinder    mit    Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen    und    anderen Entwicklungsschwierigkeiten, für deren Eltern und Geschwister, sowie für Menschen mit Hirnverletzungen und deren Angehörige mit seinem Charisma und seiner Expertise. Sein differenzierter Blick auf Fähigkeiten und Möglichkeiten junger wie erwachsener und alter PatientInnen machte ihn zu einem wertvollen und willkommenen Diagnostiker im interdisziplinären Kontext. Hans Sonderegger’s Interesse galt dem, wie Menschen zu Erkenntnis kommen, wie Mensch und Um-Welt interagieren, wie Kommunikation und Mit-Teilen möglich und sinnvoll ist, wie Informationen in der konkreten Auseinandersetzung mit der Umwelt angeboten bzw. aufgenommen und so verarbeitet werden können, dass es Sinn ergibt. Er war ein Meister der Inklusion. Sein Bestreben galt dem, Menschen Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Auch in schwierigsten neurologischen bzw. neuropädiatrischen Situationen fand er innovative und wirksame therapeutische Ansätze.
Hans Sonderegger arbeitete stets mit betroffenen Menschen, in Familien und Institutionen, im Rahmen von Kursen, Vorträgen und Lehrveranstaltungen, in der Auseinandersetzung mit aktueller Hirnforschung, mit neuesten und relevanten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Philosophie, Pädagogik, Anthropologie, Psychologie und Medizin. Er war ein Forschender und Lehrender, der dabei nie das Wesentliche, um das es im jeweils Konkreten geht, vergaß – den Menschen. Ziel und Prüfstein seiner inhaltlichen Auseinandersetzung war es, Menschen in ihrer Handlungs-, Kommunikations- und Bewegungsfähigkeit zu befähigen – hin zu sinnerfülltem Alltag.
Schon während seiner Ausbildung zum Sprachtherapeuten schaute er in einem Praktikum ErgotherapeutInnen zu und meinte, auch noch Jahrzehnte später, dass er sehr gerne Ergotherapeut geworden wäre, hätte er von diesem Beruf bei seiner Studienwahl gewusst. So war er zeitlebens Integrationsgestalt sämtlicher Disziplinen: Logopädie, Philosophie, Neuropsychologie, Ergotherapie, Physiotherapie, Systemische Arbeit…
Nach seiner langjährigen Mitarbeit am St. Galler Zentrum im Team von Dr. Félicie Affolter unternahm er weitere Schritte hin zu seiner eigenen, verschiedene Ansätze integrierenden Weise, Menschen mit besonderen kognitiven, perzeptiven, motorischen und psychosozialen Herausforderungen, v.a. im Bereich der Neuropädiatrie und der Neurologie, zu begleiten und entwickelte das Konzept der „Geführten Interaktion“, das er auch in seiner Lehrtätigkeit vermittelte, integrativ weiter.
Angesprochen auf seine aktuelle Quintessenz bezüglich der Entwicklung innerhalb der Logopädie meinte Hans U. Sonderegger in seiner letzten Lebenswoche: “Dies gilt nicht nur für uns Logopäden, sondern genauso für die Ergos, Physios, für alle TherapeutInnen. Der Ruf, die Eltern “ins Boot” zu holen, ist in den letzten Jahren so laut geworden, doch eigentlich sollt’ es umgekehrt sein, wir sollten ins Boot der Familien steigen…” – Dass Hans Sonderegger sich immer wieder ins Boot der Betroffenen und deren Angehörigen gewagt hat, haben zahlreiche Familien in Tirol, der Schweiz, in Italien, Deutschland, Irland, Indien und in den USA erfahren. Dieses, sein Vermächtnis, ist uns Anstoß, wach in Bewegung und Entwicklung zu bleiben, uns auf diesen Dialog einzulassen und uns für Verwirklichung des im jeweiligen Alltag Wesentlichen einzusetzen.
Unser Dank geht an Hans
Einen Menschen, der das Leben liebte und suchte, der in der Musik und in der Literatur daheim war, der sich so gern in der Natur bewegte, der die Berge, die Luft, das Wasser und den Wald mochte und das Reisen und die Menschen liebte.
Unser Dank geht an Hans mit seiner besonderen Begabung zu dem, was Menschen das Handeln und Mit-Teilen ermöglicht, mit seinen Fähigkeiten, Wege in der konkreten Auseinandersetzung mit der Welt, im Alltag, mitten im Alltag, zu eröffnen, lebendiges Leben und Geschehen zu erfahren, zu erspüren.
Unser Dank geht an Dich, lieber Hans, mit deinem wachen Geist und deiner starken Präsenz, mit deiner Aufmerksamkeit und deinem Wahrnehmen, mit deinem Begleiten und deinem Informationen vermitteln, mit deinem Impulse setzen und Wege der Hoffnung ermöglichen, ganz konkret, im scheinbar Kleinen, Alltäglichen das Große, Wunderbare,… suchend und entdeckend.
Auf dass es dir rundum gut gehen möge und all das, was dir am Herzen liegt, lebendig weiterlebt!
Text von Ursula Costa, 17.1.1012, zur Auferstehungsfeier von Hans U. Sonderegger
Hans Urs Sonderegger’s Werk soll, auch seinem Wunsch entsprechend, interdisziplinär und im Sinne der Betroffenen weiterwirken und weiter entwickelt und beforscht werden. In seinen letzten Lebenswochen hat Hans U. Sonderegger dafür gesorgt, dass Kolleginnen aus der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie aus Österreich und aus der Schweiz, aus Italien und aus Deutschland, dies konkret in Ausbildung, Praxis und Forschung weitertragen. Gegenwärtig sind an Mitarbeit Interessierte    eingeladen,    sich    zu    diesem    entstehenden    Netzwerk    unter gespuerte.interaktion@gmail.com zu melden. Für Familien, die Therapie brauchen, sich diese aber nicht leisten können, wurde auf Hans Sonderegger’s Wunsch hin ein Spendenkonto eingerichtet: Inhabersparbuch-Spende, Kto.-Nr.: 30453627107, BLZ: 57000 (Hypo Bank Tirol) (IBAN: AT30570030453627107; BIC: HYPTAT22).
Dieser Nachruf ist interdisziplinär getragen und unterstützt von Mathilde Furtenbach (LP), Rosmarie Stark-Hechenberger (LP) und Ursula Costa (ET).

Dieser Nachruf ist auf dieser Seite verlinkt:
http://www.logopaedieaustria.at/de/ausbildung/pg.htm?id=180000262

 

 

 

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2 Antworten auf Hans Sonderegger

  1. Bideau,Christoph sagt:

    Ja, er ist in unser Familienboot gestiegen, das nach Til`s Unfall November 1997 schwer angeschlagen und nahezu manövrierunfähig dahintrieb. Er hat mit uns gearbeitet, wie es kein anderer getan hätte, oder hätte tun können. Er überschritt Grenzen ohne zu nahe zu kommen, sein ganzes Bestreben diente dem Erkennen und Nutzen von Fähigkeiten im Alltag. Ich denke an alle, die ihn ebenso vermissen wie ich und nehme die Lehre mit: Nutze den Tag.

  2. Hans Sonderegger verdanke ich so viel, er hat die Arbeit in meiner Sprachtherapeutischen Praxis jahrelang supervidiert.
    Ohne seine Sicht auf Menschen mit Schwierigkeiten in der Verarbeitung von Wahrnehmungsprozessen hätte ich meinen Beruf niemals in der Freude und Kompetenz ausüben können.

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