“Dazugehören”: Gedanken über Demenz.

Nichts existiert, das von Dauer ist. Das einzig Dauerhafte ist die Veränderung.
Buddha

Heute: der erste von drei Tagen Demenzdiagnostik in einer geriatrischen Tagesklinik mit meiner Mutter. Ich begleite sie. Die Diagnose steht längst fest, ich kenne mich zu gut auf diesem Gebiet aus. Erinnerungen aus der eigenen Biografie sind längst gelöscht oder verblassen mehr und mehr. Geburtsdatum, Jahr der Heirat, Adresse, Beruf. Alles nur sehr vage, mehr geraten, sehr fragend geantwortet. Ich kenne alle Fragen, ich kenne alle Tests – ich unterrichte Studierende zum Thema “Demenz und Kommunikation”. Und nun gehöre ich zur anderen Seite: zur Seite der Angehörigen. Und nun steht tatsächlich nicht mehr im Vordergrund, welcher Therapeut, Arzt und welche Pflege welches Fachwissen und welche Ausbildung hat. Jetzt geht es darum wer freundlich ist, wer wertschätzend umgeht, wer sich empathisch zeigt, wer bereit ist, mal miteinander zu lachen.

Wir haben Glück mit der Tagesklinik. Nur 14 Therapieplätze, eigene Station, kleiner und übersichtlicher Bereich, schönes Ambiente.

Was man schnell erkennt: meine Mutter gehört zu den Patienten, die “weglaufgefährdet” sind oder eine sogenannte “Heimlauftendenz” haben. Sie hat kein Störungsbewußtsein für den Verlust ihres Gedächtnisses, ihrer Erinnerungen. Ein Segen und ein Fluch. Sie ist nicht unzufrieden mit ihrem Zustand und auch nicht traurig. Sie spürt nicht und weiß nicht, was mit ihr ist. Sie ist einfach. Im Hier und Jetzt. Jeden Tag.
Zu Hause ist das kein Problem, dort wird man nicht mit “fremden” Situationen konfrontiert, muss die Garderobe nicht finden oder die Toilette. Und nun ist man wo, wo nachmittags ein Therapeut eine kleine Geschichte vorliest. “Der Vortrag war ganz nett, aber ich weiß gar nicht, was ich da soll.” Meine Mutter ist genervt. Sie versteht nicht, was sie hier soll. Sie gehört in ihren Augen nicht dazu. Ist es das, was Patienten am “Heimlaufen” hindert? Irgendwo dazuzugehören? In der Validation macht man sich genau das zunutze. Man überzeugt einen Patienten, dass er – genau so wie er ist – hier gebraucht wird und dass er unbedingt bleiben sollte, weil er doch dazugehört.
Einem Patienten kann ich das wertschätzend erklären. Aber meine Mutter ist meine Mutter.

Dennoch: Die Person, die ich als meine Mutter in Erinnerung habe verblasst genauso wie ihre Erinnerungen an ihre eigene Biografie.

Ich stelle fest, wie ich mit der Ärztin in der Vergangenheitsform über sie spreche. Als wäre sie schon längst nicht mehr hier. Und irgendwie ist sie oft sehr weit weg. Dann sitzt sie einfach auf dem Sofa und schaut in den Garten. Oftmals über eine Stunde. Fragt man sie, was sie da macht und was sie sieht, sagt sie oft: Och, ich gucke einfach nur raus. Sie ist im Hier und Jetzt. Das tröstet mich oft. Denn ist man das, dann macht man sich weder Vorwürfe wegen der Vergangenheit noch macht man sich Sorgen um die Zukunft. Wie gut, dass sie in ihrem Zustand so sein kann!

Ich kann nichts tun. Nichts, was ihren Zustand verbessern kann. Es ist unwiederbringlich verloren, was gegangen ist und es wird nicht besser werden. Ich frage mich manchmal, ob ich ihr eine gute Tochter bin. Denn alles was ich ihr Gutes tun kann, hat sie gleich wieder vergessen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als altruistisch zu handeln. Ich kann ihr nur Gutes um ihrer selbst willen tun. Sie wird sich nicht dafür bedanken können. Das ist oft schwer auszuhalten. Einen Gefallen tut man doch, um jemanden zu gefallen, oder?

Aber vielleicht reicht es, mit ihr dieses Hier und Jetzt zu teilen. Mit ihr zusammen mal für zwanzig Minuten die Tageszeitung durchzublättern, mit ihr zusammen den Garten zu betrachten oder einfach nur eine Tasse Kaffee zu trinken. Hier und Jetzt. Nicht mehr und nicht weniger. Und einfach in diesen Momenten “dazugehören”.

 

 

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