Abschied von Herrn S.

Daß wir erschraken, da du starbst, nein,

daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,

das Bisdahin abreißend vom Seither:

das geht uns an; das einzuordnen wird

die Arbeit sein, die wir mit allem tun.

(Rainer Maria Rilke)

Nie werde ich mich daran gewöhnen, dass zu meinem Beruf auch das Abschied nehmen gehört. Nie will ich mich daran gewöhnen! Es sollte immer etwas Besonderes sein! Der Tod gehört zum Leben dazu und ist – in meiner Berufswelt – häufig sehr willkommen. Doch diesmal ist es besonders schwer für die, die hierbleiben. Herr S. war so alt wie ich. Und er hätte auch ein Gast auf meinem Gartenfest, zum Kochen, zum Spielen oder zum DVD-sehen sein können. Er mochte klassische Musik – wir hatten vereinbart, dass er für dieses Wissensgebiet mein Telefonjoker für Wer-Wird-Millionär sein sollte. Ganz am Anfang, als Herr S. noch erzählen konnte. Er mochte meinen Hund. Bis zuletzt, als er schon nicht mehr sprechen konnte, fragte er immer nach Emil. Er wollte wissen, wie er sich macht in der Ausbildung, in der Hundeschule, ob er noch immer Angst vor Pferden und dunklen Hauseingängen habe. Herr S. nahm Anteil. Anteil auch an dem Wachsen unserer Praxis. Als einer unserer ersten Kunden erlebte er die Praxisräume noch ohne Trennwand und hatte immer alle Zeitungsartikel, die über uns erschienen waren, ausgeschnitten und für mich aufgehoben. Er fragte viel. An Weihnachten konnte er mich noch fragen, wie ich Weihnachten feiern werde. Er freute sich für mich, als ich vom Kochen erzählte. Er kochte selbst sehr gerne. Er hatte ein schönes Zuhause, ein kleines Häuschen zusammen mit seiner Frau. Wir witzelten immer, dass ich irgendwann mal heimlich Gartenzwerge in den Vorgarten stellen werde.

Herr S. ist vor einigen Tagen gestorben. Der Hirntumor war stärker und schneller, als alles was gegen einen Hirntumor ankommen könnte. Er wird zu den Patienten gehören, an die ich noch lange denken werde und die man nicht ganz vergisst. Ich bin traurig, doch ich bin auch froh, dass Herr S. loslassen konnte. Und ich bin sehr froh, ihn gekannt zu haben.

Von Herrn S. konnte ich lernen, dass man auch dann noch glücklich sein kann, wenn man weiß, dass die Tage gezählt sind.

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Gelernt, Loslassen, Neuland abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>