“Dazugehören”: Gedanken über Demenz.

Nichts existiert, das von Dauer ist. Das einzig Dauerhafte ist die Veränderung.
Buddha

Heute: der erste von drei Tagen Demenzdiagnostik in einer geriatrischen Tagesklinik mit meiner Mutter. Ich begleite sie. Die Diagnose steht längst fest, ich kenne mich zu gut auf diesem Gebiet aus. Erinnerungen aus der eigenen Biografie sind längst gelöscht oder verblassen mehr und mehr. Geburtsdatum, Jahr der Heirat, Adresse, Beruf. Alles nur sehr vage, mehr geraten, sehr fragend geantwortet. Ich kenne alle Fragen, ich kenne alle Tests – ich unterrichte Studierende zum Thema “Demenz und Kommunikation”. Und nun gehöre ich zur anderen Seite: zur Seite der Angehörigen. Und nun steht tatsächlich nicht mehr im Vordergrund, welcher Therapeut, Arzt und welche Pflege welches Fachwissen und welche Ausbildung hat. Jetzt geht es darum wer freundlich ist, wer wertschätzend umgeht, wer sich empathisch zeigt, wer bereit ist, mal miteinander zu lachen.

Wir haben Glück mit der Tagesklinik. Nur 14 Therapieplätze, eigene Station, kleiner und übersichtlicher Bereich, schönes Ambiente.

Was man schnell erkennt: meine Mutter gehört zu den Patienten, die “weglaufgefährdet” sind oder eine sogenannte “Heimlauftendenz” haben. Sie hat kein Störungsbewußtsein für den Verlust ihres Gedächtnisses, ihrer Erinnerungen. Ein Segen und ein Fluch. Sie ist nicht unzufrieden mit ihrem Zustand und auch nicht traurig. Sie spürt nicht und weiß nicht, was mit ihr ist. Sie ist einfach. Im Hier und Jetzt. Jeden Tag.
Zu Hause ist das kein Problem, dort wird man nicht mit “fremden” Situationen konfrontiert, muss die Garderobe nicht finden oder die Toilette. Und nun ist man wo, wo nachmittags ein Therapeut eine kleine Geschichte vorliest. “Der Vortrag war ganz nett, aber ich weiß gar nicht, was ich da soll.” Meine Mutter ist genervt. Sie versteht nicht, was sie hier soll. Sie gehört in ihren Augen nicht dazu. Ist es das, was Patienten am “Heimlaufen” hindert? Irgendwo dazuzugehören? In der Validation macht man sich genau das zunutze. Man überzeugt einen Patienten, dass er – genau so wie er ist – hier gebraucht wird und dass er unbedingt bleiben sollte, weil er doch dazugehört.
Einem Patienten kann ich das wertschätzend erklären. Aber meine Mutter ist meine Mutter.

Dennoch: Die Person, die ich als meine Mutter in Erinnerung habe verblasst genauso wie ihre Erinnerungen an ihre eigene Biografie.

Ich stelle fest, wie ich mit der Ärztin in der Vergangenheitsform über sie spreche. Als wäre sie schon längst nicht mehr hier. Und irgendwie ist sie oft sehr weit weg. Dann sitzt sie einfach auf dem Sofa und schaut in den Garten. Oftmals über eine Stunde. Fragt man sie, was sie da macht und was sie sieht, sagt sie oft: Och, ich gucke einfach nur raus. Sie ist im Hier und Jetzt. Das tröstet mich oft. Denn ist man das, dann macht man sich weder Vorwürfe wegen der Vergangenheit noch macht man sich Sorgen um die Zukunft. Wie gut, dass sie in ihrem Zustand so sein kann!

Ich kann nichts tun. Nichts, was ihren Zustand verbessern kann. Es ist unwiederbringlich verloren, was gegangen ist und es wird nicht besser werden. Ich frage mich manchmal, ob ich ihr eine gute Tochter bin. Denn alles was ich ihr Gutes tun kann, hat sie gleich wieder vergessen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als altruistisch zu handeln. Ich kann ihr nur Gutes um ihrer selbst willen tun. Sie wird sich nicht dafür bedanken können. Das ist oft schwer auszuhalten. Einen Gefallen tut man doch, um jemanden zu gefallen, oder?

Aber vielleicht reicht es, mit ihr dieses Hier und Jetzt zu teilen. Mit ihr zusammen mal für zwanzig Minuten die Tageszeitung durchzublättern, mit ihr zusammen den Garten zu betrachten oder einfach nur eine Tasse Kaffee zu trinken. Hier und Jetzt. Nicht mehr und nicht weniger. Und einfach in diesen Momenten “dazugehören”.

 

 

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Das war 2016

2016 habe ich die Neutscher Höhe für mich entdeckt und mein geographisches Wissen bezüglich Odenwald erheblich erweitert. Ich war viel zu Fuß unterwegs. Das habe ich schon allein dadurch gemerkt, dass ich zwei paar Wanderschuhe durchgelaufen habe. Ich habe die Gartenhütte gestrichen und zum ersten Mal im Garten mit Gaskocher gekocht. Ich habe Salat gepflanzt. Und zwar richtig! Nach einigen Wochen konnte ich dann leider keinen Salat mehr sehen. Nächstes Jahr mache ich “in Tomaten”.

Ich habe mich dieses Jahr sehr viel mit dem Thema “Demenz” beschäftigt und beschäftigen müssen. Und das ist erst der Anfang. Meine Mama verliert mehr und mehr ihre Erinnerung, ihre Struktur, ihre Persönlichkeit. Und für uns beginnt ein Loslassen, ein Abschied auf Raten. Ich weiß nicht nicht, wohin und wie lange dieser Weg gegangen werden muss. Ich weiß nur – und das habe ich tatsächlich von meinem Hund UND von der Demenz gelernt: Es lohnt sich jeden Tag zu geniessen und jeden Tag im Hier und Jetzt zu leben, die guten Dinge zu beleuchten und die schlechten Dinge weiterziehen zu lassen. Und trotz aller Traurigkeit, die diese Entwicklung mit sich bringt: Frank hat geheiratet – wenigstens einer von uns ist nun unter der Haube!

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen! Jacke passt wieder. Und das ist erst der Anfang!

Haare länger oder kürzer? So mittel. Ich glaube, ich werde sie wieder wachsen lassen.

Der verwegenste Plan? Liegt erst seit diesem Herbst auf dem Tisch. Lasst Euch überraschen!

Die gefährlichste Unternehmung? Den kompletten Handkasseninhalt der Praxis (seeehr viel Bares!) offen auf dem Beifahrersitz liegen lassen und im Parkhaus das Auto abgestellt. Es ist zum Glück gutgegangen!

Der hirnrissigste Plan? Die Handkasse offen im Auto … ach, siehe oben.

Gute Gespräche mit? Meinem Vater und meiner Tante. Wer hätte das mal gedacht…. Aber sie scheinen vernünftig zu werden. ;-) und mit Freunden.

Das leckerste Essen? Salat im Garten – am Anfang, als ich ihn noch sehen konnte…. Kaffee und Kuchen im Garten, Weihnachtsessen mit meiner Kollegin in Zwingenberg, Weihnachtsessen bei C. in Wiesbaden.

Das beeindruckenste Ereignis? Die Hochzeit von Frank und Sabine. Ich war zu Tränen gerührt. Und vorher habe ich immer über die, die bei solchen Anlässen zu Tränen gerührt sind, blöde Witze gemacht. Kann man mal sehen!

Die beste Serie? Eindeutig “Downton Abbey”! Ich überlege, ob ich sie nun ein zweites Mal in der Originalsprache ansehe.

Die meiste gedankliche Beschäftigung mit? Dem Thema “Demenz” und dem Thema “Loslassen”.

Die schönste Party? Ach, ich würde gerne mal wieder auf eine richtige Party gehen. Wo dann um 3h die Polizei kommt, weil es so laut ist. Aber leider werde ich um 22:30 Uhr immer so derart müde, dass ich dieses Ereignis nie niemals miterleben würde…

Die meiste Zeit verbracht mit…? Hund, Praxis, Garten.

Die schönste Zeit verbracht mit…? Hund, Praxis, Garten, Freunde, frischer Luft.

Das Beste, was 2016 passiert ist? Die Hochzeit von Frank und Sabine? Die vielen guten Gespräche, die ich führen durfte? Die Vergrößerung des Praxisteams? Ich weiß es noch nicht. So etwas weiß man immer erst lange hinterher, oder?

Vorherrschendes Gefühl 2016? Aufs Loslassen konzentrieren und achtsam sein mit sich selbst.

2016 zum ersten Mal gemacht? Eine Gartenhütte gestrichen, Rudelsingen, Exit-Game, eine Hunde-Krimi-Schnitzeljagd organisiert. Hat alles sehr viel Spaß gemacht!

2016 nach langer Zeit wieder getan? Einen Baum gepflanzt. Einen Ginkgo.

2016 gelernt? Ein Leben mit der Gleitsichtbrille. Mantrailing. Mit einer motorbetriebenen Heckenschere umzugehen (ich kann jetzt aus Buchsbäumen Schwäne schneiden, … glaub ich).

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können? Auf die Diagnose “Leukämie” beim Sohn einer Freundin.

Das schönste Geschenk, das ich jemanden gemacht habe? Ich glaube es war eine Pizza. Und dabei ein gutes Gespräch.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? “Das klappt!”

Der schönste Satz, den ich zu jemanden gesagt habe? Das weiß ich nicht mehr. Ich hoffe aber, es waren viele Sätze.

2016 war in einem Wort? Ganz gut, aber auch verdammt anstrengend, nervig und ernst. Und jetzt: 2016 verschwinde endlich.

Das bringt 2017? Mehr Spaß! Und: Ende Februar ein neues Familienmitglied. Mehr Zeit für Freunde, fürs Kochen, fürs schöne Wetter.

Ich freue mich auf das neue Jahr. Jetzt ist es noch ganz frisch. Die Verpackung knistert, es hat noch keine Kratzer. Man kann es zwar nicht mehr umtauschen, doch man hat das Gefühl, alle Chancen in der Hand zu haben. Obwohl man das übrigens jeden Tag haben kann. Denn ein neues Jahr hat man jeden neuen Tag! Jegliche Möglichkeiten zum Neubeginn oder zur Veränderung stehen jeden neuen Tag offen. Das vergisst man manchmal. Und das sollte man nicht vergessen!

Ich wünsche Euch allen den Mut zum Loslassen und den Mut zum Festhalten. Und die Gelassenheit damit umzugehen, dass man das Eine nicht immer vom Anderen trennen und unterscheiden kann.

Euch allen: Ein frohes, gesundes und glückliches 2017!

Motto für 2017:  “Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag…”

 

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Das war 2015

Dieses Jahr war kein Schlechtes, doch es war eines: es war uuuunglaublich anstrengend! Anfang des Jahres war da noch die Angst wegen der großen Lücken in den Therapieplänen, ab Mitte des Jahres wurde es voll in der Praxis, so voll, dass ich den Eindruck hatte, ich würde rund um die Uhr arbeiten. Dann kamen Krankheiten im privaten Umfeld dazu. Ich war rund um die Uhr beschäftigt.

Wieder waren einige Ereignisse dabei, auf die ich gerne verzichtet hätte. Auf viele Sorgen, Ängste, Befürchtungen. Und andererseits gab es wiederum Ereignissse, die zu Highlights wurden, neue Freundschaften, gute Impulse, viele neue Gedanken und neue Wege.

Gelernt habe ich, dass es immer die “kleinen” Dinge sind, die eher zu den Highlights werden können. Man darf sie nur nicht übersehen. Gelernt habe ich auch, dass es oft besser ist, auf seinen Bauch zu hören und die Dinge, Menschen, Situationen einfach loszulassen.

Ich bin sehr froh darüber, gesund zu sein und den Großteil meiner Zeit mit den Menschen und Tieren verbringen zu können, die mir wichtig sind und für die ich wichtig bin. Ich wünsche Euch allen ein gutes und zufriedenes 2016 mit mehr Geduld, Wertschätzung und Achtsamkeit.

Als Motto für 2016 könnte das gleiche Motto wie 2015  gut passen:

„Komme, was da wolle/trink ein bisschen, tanz ein bisschen/und was morgen wird – wir werden sehn!“ (Absinto Orkestra)

Und sonst so?

Zugenommen oder abgenommen? Zugenommen. Leider!

Haare länger oder kürzer? Kürzer!

Der verwegenste Plan? Mit dem Rauchen aufzuhören! Hat geklappt. Seit 347 Tagen bin ich rauchfrei!

Die gefährlichste Unternehmung? Im Rahmen eines Geocaches, den ich gerade verstecke, unter dem Eisenbahnmuseum durch eine große Wasserröhre zu kriechen. Ganz alleine. Sogar ohne Hund! Ich hab mir vor Angst fast in die Hosen gemacht, aber hinterher war es ein großartiges Gefühl.

Der hirnrissigste Plan? Siehe vorherige Frage!

Gute Gespräche mit? Vielen!

Das leckerste Essen? Zweimal in diesem Jahr in der Waldkolonie im Restaurant “Mare e Monti”.

Das beeindruckenste Ereignis? Da gab es so viele dieses Jahr. Sehr viele „kleine“ beeindruckende Ereignisse in der Natur. Aber auch die Rede von Henry Kissinger zur Trauerfeier von Helmut Schmidt war sehr beeindruckend.

Die beste Serie? Wie schön! Mir fällt gerade auf, dass ich dieses Jahr kaum vor der Glotze verbracht habe!

Die meiste gedankliche Beschäftigung mit? Meinem Nervenkostüm, mit Zuversicht, Gelassenheit, Achtsamkeit.

Die schönste Party? Das Geburststagsfrühstück in der Praxis.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Aktiv und positiv mit mir und mit Emil. Und das tut gut!

Die schönste Zeit verbracht mit…? Emil, mir und der Natur.

Das Beste, was 2015 passiert ist: ein voller Therapieplan und ein großes Lob von der Bank!

Vorherrschendes Gefühl 2015: Durchhalten! Und: Mich immer wieder über Gedanken wie “ich muss nieee wieder eine Urlaubsplanung im Team mit acht Personen abstimmen” oder: “ich muss nieee wieder an einem Feiertag in der Klinik arbeiten” zu freuen oder dass ich mich so planen kann, dass ich selbst im tiefsten Winter mit meinem Hund bei Tageslicht weite Wanderungen machen kann!!!! Großartig!

2015 zum ersten Mal gemacht? Mit dem Hund in den Urlaub gefahren.

2015 nach langer Zeit wieder getan? Gitarre gespielt.

2015 gelernt: Es lohnt sich nicht, sich ständig einen Plan zu machen. Es kommt ohnehin, wie es kommt. Es lohnt sich weiterhin immer authentisch zu sein. Immer! Und ganz wichtig: Ich habe gelernt und lerne noch: Ich höre auf mein Bauchgefühl!

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können? Unnötige Sorgen, zuviel Planerei und viel zuviel Kopfkino!

Das schönste Geschenk, das ich jemanden gemacht habe? Zeit und starke Nerven.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? Da gab es viele. Und einige davon habe ich sicherlich nicht gehört, was mir leid tut.

Der schönste Satz, den ich zu jemanden gesagt habe? “Tut mir leid, wir sind voll.” – Nein, es war hoffentlich ein anderer Satz. Ich weiß ihn nicht mehr, ich rede immer so viel.

2015 war in einem Wort: ANSTRENGEND

Das bringt 2016?
Ruhe! Privat wie geschäftlich! Mehr Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Zuversicht, Glück, Freude, Freundlichkeit, Gesundheit, den Blick für die kleinen Dinge auszudehnen lernen. Und wer weiß, …

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Natur-, Orts- und Heimatverbunden

Orts- / Natur- / Heimatverbunden

Heute früh bin ich mit meinem Hund durch den alten Ortskern meines Stadtteils – für mich noch immer ein Dorf – gelaufen. Es war noch ganz früh und wir waren fast unter uns. Ich bin die alten Wege gegangen. Durch die Gässchen, hinter dem Gemeindehaus entlang, durch den Kirchhof, an meinem alten Kindergarten vorbei. Ich habe dabei mindestens drei alte Leute getroffen, die mich noch als kleines Mädchen gekannt haben. Einige davon wissen, wer ich bin – meine Familie ist im Ort alteingesessen und bekannt wie der berühmte “bunte Hund”. Wir kamen ins Gespräch übers Wetter, den alten Ortskern und schließlich wurde mir ganz oft die Frage, wie es denn laufe mit der Selbständigkeit und ob ich zufrieden sei, gestellt. Das rührte mich sehr. Offenbar hat sich im Ort herumgesprochen, was ich mache und wo und seit wann! Mich rührt diese Anteilnahme! Später war ich dort Erdbeeren holen, wo ich als Kind freitags nachmittags verschwunden bin und erst sonntags abends – nach Stall und Landwirtschaft riechend – wieder zu Hause aufgetaucht bin: Die Familie einer Schulfreundin hatte (und hat noch heute) einen Bauernhof. 

Zwischen 10-15 Jahren habe ich dort fast jedes Wochenende verbracht. Ich habe gelernt, mit großen Tieren und kleinen Tieren umzugehen, habe Kühe beim Kalben gesehen, gesehen wie Katzen, Hunde, Schweine, Hühner, Pferde auf die Welt kommen, habe gesehen, wie geschlachtet wird, habe bei den Ernten geholfen, Traktor fahren gelernt, Kühe raus auf die Weide und abends wieder reingetrieben, habe die Melkmaschine anschliessen können und war dort voll integriert. 

Heute tun mir Kinder oft leid, die nicht wissen ob auf dem Feld Getreide wächst oder Kartoffeln, die nicht wissen, dass es Tiere gibt, die geschlachtet werden, die keine Ahnung davon haben,  wie man ein Pferd führt und dass man vor Kühen keine Angst haben muss, die nicht wissen, was Schwalben sind oder den Wechsel der Jahreszeiten nicht an der Natur erkennen können.

Im Hofladen stand heute die Mama meiner damaligen Schulfreundin hinterm Ladentisch. Wir kamen ins Gespräch. Auch hier wusste man längst über meine Selbständigkeit Bescheid. Auch hier die Frage, ob ich denn zufrieden sei. Und während ich erst den Hofhund und danach drei Katzen streichelte, meinte die Mama meiner damaligen Schulfreundin schließlich, sie habe immer gedacht, ich werde mal Tierärztin. Mit Tieren habe ich schon immer am Besten gekonnt, das sei schon immer so gewesen und wird sicherlich auch nicht mehr anders, meinte sie. Das hat mich sehr berührt. Dennoch: ich bin froh, dass ich keine Tierärztin geworden bin. Die schweren Entscheidungen, die zu treffen dieser Beruf mit sich bringt, wären mir zu groß und gewichtig gewesen.

Ich bin froh, dass ich dort groß geworden bin, wo ich groß geworden bin. Mit genau den Menschen, die auch heute noch Anteil nehmen.

Und wer erntefrische Erdbeeren oder Spargel möchte (oder alles Andere, was es auf dem Bauernhof gibt): Bauernladen Benz

 

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Die kleinen Dinge

Heute um 17:45 Uhr auf der A5 entlang der Bergstraße, in der Nähe von Bensheim, unterwegs nach Hause. Rechts von mir, die von der Sonne angestrahlte Bergstraße, links von mir der Sonnenuntergang. Ich freue mich. Es ist viertel vor sechs und die Sonne geht jetzt erst unter. Später fällt mir auf, dass man um 18:30 Uhr noch immer einen hellen Streifen im Westen am Himmel sehen kann.

Seit einigen Monaten notiere ich mir die Highlights des Tages. Und immer wieder stelle ich fest, dass die wirklichen Highlights die kleinen Dinge sind, die man nicht kaufen kann. Die deswegen so groß sind, weil man sie geschenkt bekommt.

Das kann eine Erkenntnis sein, mit der man sich positiv bereichert fühlt, die einem zum Nachdenken anregt. Zum positiv verknüpften Nachdenken und damit nicht zum Grübeln!

Oder so wie heute – ein Sonnenuntergang!

Diese kleinen Dinge – meine Highlights – die ich geschenkt bekomme, sorgen dafür, dass ich in diesem einen Moment weiß: gerade ist alles alles gut.

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Abschied von Herrn S.

Daß wir erschraken, da du starbst, nein,

daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,

das Bisdahin abreißend vom Seither:

das geht uns an; das einzuordnen wird

die Arbeit sein, die wir mit allem tun.

(Rainer Maria Rilke)

Nie werde ich mich daran gewöhnen, dass zu meinem Beruf auch das Abschied nehmen gehört. Nie will ich mich daran gewöhnen! Es sollte immer etwas Besonderes sein! Der Tod gehört zum Leben dazu und ist – in meiner Berufswelt – häufig sehr willkommen. Doch diesmal ist es besonders schwer für die, die hierbleiben. Herr S. war so alt wie ich. Und er hätte auch ein Gast auf meinem Gartenfest, zum Kochen, zum Spielen oder zum DVD-sehen sein können. Er mochte klassische Musik – wir hatten vereinbart, dass er für dieses Wissensgebiet mein Telefonjoker für Wer-Wird-Millionär sein sollte. Ganz am Anfang, als Herr S. noch erzählen konnte. Er mochte meinen Hund. Bis zuletzt, als er schon nicht mehr sprechen konnte, fragte er immer nach Emil. Er wollte wissen, wie er sich macht in der Ausbildung, in der Hundeschule, ob er noch immer Angst vor Pferden und dunklen Hauseingängen habe. Herr S. nahm Anteil. Anteil auch an dem Wachsen unserer Praxis. Als einer unserer ersten Kunden erlebte er die Praxisräume noch ohne Trennwand und hatte immer alle Zeitungsartikel, die über uns erschienen waren, ausgeschnitten und für mich aufgehoben. Er fragte viel. An Weihnachten konnte er mich noch fragen, wie ich Weihnachten feiern werde. Er freute sich für mich, als ich vom Kochen erzählte. Er kochte selbst sehr gerne. Er hatte ein schönes Zuhause, ein kleines Häuschen zusammen mit seiner Frau. Wir witzelten immer, dass ich irgendwann mal heimlich Gartenzwerge in den Vorgarten stellen werde.

Herr S. ist vor einigen Tagen gestorben. Der Hirntumor war stärker und schneller, als alles was gegen einen Hirntumor ankommen könnte. Er wird zu den Patienten gehören, an die ich noch lange denken werde und die man nicht ganz vergisst. Ich bin traurig, doch ich bin auch froh, dass Herr S. loslassen konnte. Und ich bin sehr froh, ihn gekannt zu haben.

Von Herrn S. konnte ich lernen, dass man auch dann noch glücklich sein kann, wenn man weiß, dass die Tage gezählt sind.

 

 

 

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“Man soll die Feste feiern wie sie fallen!” Die Bucket List

Wikipedia erklärt hierzu: “Derived from kick the bucket (“to die”) + list; hence “list of things to do before you die”. Coined by screenwriter Justin Zackham in his screenplay for the 2007 film The Bucket List; articles about the movie are the earliest known uses.”

Eine Bucket List ist also eine Liste von Dingen, die man erlebt oder getan haben möchte, bevor man stirbt. Der erwähnte Film “The Bucket List” trägt den deutschen Titel “Das Beste kommt zum Schluß”.

Ein Punkt in meiner persönlichen Bucket List – die bei mir nichts weiter als ein altes Notizbuch ist, in dem durchaus auch hirnrissige Pläne enthalten sind (die teilweise sogar wieder durchgestrichen wurden…. ein andermal dazu mehr) – ist es wieder regelmäßig zu bloggen.

Ein weiterer Punkt ist: Mit dem Rauchen aufhören.

Tadaaa: Beides gleich mal erledigt.

Ich hatte in den letzten Tagen ein sehr schönes Gespräch mit einer Patientin, das mich wieder auf diese Liste zurückgebracht hat. Die Patientin hat Schwierigkeiten mit der deutlichen Aussprache, ist steinalt aber total klar im Kopf. Ich habe selbst erstelltes Therapiematerial mit Kärtchen auf denen Situationen beschrieben sind, die die Patienten zum Reden animieren oder eine Unterhaltung in Gang bringen. Auf einem Kärtchen stand: “Sie kommen früher aus dem Urlaub nach Hause und stellen fest, dass Ihre Kinder bei Ihnen im Wohnzimmer eine rauschende Party veranstalten. Was machen Sie?”

Die alte Dame antwortete: “Früher wäre ich sicherlich ziemlich ausgeflippt und sehr ärgerlich geworden. Doch heute würde ich mich dazugesellen, mich freuen und mitfeieren!” Sie gab mir den klugen Rat, kurz vorm Ausflippen darüber nachzudenken, ob man zwanzig Jahre später immer noch ausflippen würde.

Und sie gab mir noch Folgendes mit auf den Weg: “Man soll die Feste feiern wie sie fallen! – Nichts anderes im Leben zählt!”

 

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Das war 2014

Dieses Jahr war ein Hochgeschwindigkeitsjahr. Die Zeit raste, immer gab es irgendetwas zu tun, was möglichst noch gestern fertig sein sollte. Es war das Jahr der Anfänge, der Wiederanfänge, der Abschiede, der Neuanfänge, der Gründung, der Veränderung – privat wie beruflich. Auf einige Ereignisse hätte ich verzichten können aber auf andere Ereignisse würde ich im Nachhinein nicht verzichten wollen, auch auf die Fehler nicht, die ich gemacht habe. Ich habe in diesem Jahr sehr viel Neues gelernt, habe neue Menschen kennengelernt, die ich inzwischen nicht mehr missen möchte, habe mich von alten Dingen und von viel Ballast getrennt. Habe Angst gehabt, musste mutig sein, bin über Schatten gesprungen, war traurig und wurde wieder froh. Nie zuvor habe ich so derart viele Versicherungsverträge unterschrieben, Notartermine wahrgenommen, mir Gedanken über Zahlen machen müssen. Und immer war und ist dazwischen auch Platz und Zeit für die kleinen Dinge, die leisen Dinge, für die Dinge, die wirklich wichtig sind im Leben.

Ich bin froh darüber, gesund zu sein und den Großteil meiner Zeit mit den Menschen (und dem – DIESEN EINEN – Hund) verbringen zu können, die mir wichtig sind und für die ich wichtig bin. Ich wünsche Euch allen ein gutes und zufriedenes 2015 mit mehr Geduld, Wertschätzung und Achtsamkeit.

Als Motto für 2015 könnte das Folgende gut passen:

„Komme, was da wolle/trink ein bisschen, tanz ein bisschen/und was morgen wird – wir werden sehn!“ (Absinto Orkestra)

Und sonst so?

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen! Weiterhin – einfach so!

Haare länger oder kürzer? So mittel.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Ich habe sie nun: Die Lesebrille. Auch wenn ich sie so gut wie nie trage und noch immer verzweifelt über den Brillenrand gucken muss.

Der verwegenste Plan? Selbständig werden – in jeder Hinsicht – vor allem beruflich!

Die gefährlichste Unternehmung? Einstieg in die Selbständigkeit!

Der hirnrissigste Plan? War der meiner Kollegin, mir die Büromaterialbestellung zu überlassen. Bis wir dann eines Tages die Lieferung mit über 10.000 Briefumschlägen in der Praxis hatten…..

Gute Gespräche mit? Sehr sehr vielen lieben Menschen, vor allem mit Menschen, die ich erst in diesem Jahr kennengelernt habe.

Die teuerste Anschaffung? Ein Auto und der Einstieg in die Selbständigkeit und die daraus resultierenden tausendundeine Versicherungen, die ich abschließen musste.

Das leckerste Essen? Ach, so viele schöne selbstgekochte Gerichte, Einladungen. Und immer in guter Gesellschaft.

Das beeindruckenste Ereignis? Da gab es so viele dieses Jahr. Sehr viele „kleine“ beeindruckende Ereignisse. Schöne Naturerlebnisse mit Licht, Nebel, Wald, Hund. Es ist die Frage, was man fokussiert. Ich habe begonnen, das Sehen zu üben.

Die beste Serie? The Taste!

Die meiste gedankliche Beschäftigung mit? Dem Einstieg in die Selbständigkeit, Praxiseröffnung und alles, was dazugehört, mit Mut, mit Gelassenheit, mit Freundlichkeit.

Die schönste Party? Das Fest im Sommer in meinem Garten mit Feuerchen, Gitarre, Hunden, Freunden und Familie.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Aktiv und positiv mit mir und mit Emil. Und das tut gut!

Die schönste Zeit verbracht mit…? Emil, mir und der Natur.

Das Beste, was 2014 passiert ist: Es gab einige Highlights, von denen ich anfangs nie gedacht hätte, dass sie sein müssen, damit sich alles zum Guten wenden kann. Eines davon war meine Kündigung im Sommer.

Vorherrschendes Gefühl 2014: Mut!

2014 zum ersten Mal gemacht? Einen Businessplan erstellt.

2014 nach langer Zeit wieder getan? Im Garten gefeiert bis in den frühen Morgen.

2014 gelernt? Sehr sehr viel! Z.B. meinem Hund zu vertrauen, auf meine Intuition zu hören, auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen – mit Hund – aber auch sehr viel betriebswirtschaftliches, steuerrechtliches, unternehmerisches. Und dass es sich immer lohnt und guttut, authentisch zu sein. Immer!

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können? Unnötige Sorgen, zuviel Planerei und viel zuviel Kopfkino!

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Die Bank von unserem Konzept, meinen Hund vom Rückruf, und andere von mir.

Das schönste Geschenk, das ich jemanden gemacht habe? Zeit und starke Nerven.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? Da gab es viele. Und einige davon habe ich sicherlich nicht gehört, was mir leid tut. Einer der schönen Sätze war das grüne Licht von der Bank und vom Vermieter. Aber es waren auch die wenigen Worte meiner Patienten.

Der schönste Satz, den ich zu jemanden gesagt habe? “Ich habe gekündigt.” – Nein, es war hoffentlich ein anderer Satz. Ich weiß ihn nicht mehr, ich rede immer so viel.

2014 war in einem Wort: wieder eine glückliche und gelungene Herausforderung!

Das bringt 2015?
Gelassenheit, Zuversicht, Glück, Freude, Freundlichkeit, Gesundheit, den Blick für die kleinen Dinge auszudehnen lernen. Und wer weiß, ….

Das war übrigens: 2013, 2012, 2011, 2010, 2009


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Menschentrainer gesucht….

Ich bin’s mal wieder, der Emil!
Meine Chefin hat vergessen, die Küchentür zuzumachen, und da liegt ihr Ipad. Deswegen kann ich nun mal ungestört posten. Die Chefin macht sich zu viele Gedanken über mich. Kann Ihr vielleicht mal jemand erklären, dass es völlig ausreichend ist, morgens eine halbe Stunde mit mir durchs Gelände zu gehen und mich dann vier Stunden alleine in der Wohnung zu lassen? Ich renne doch schon mittags durch den Garten und gehe abends mit ihr mindestens 1,5 Stunden raus. Ich finde das großartig alleine: Ruhe haben, schlafen, Postition wechseln, trinken, weiterschlafen. Und nach vier Stunden kommt das Personal (Senior-Chefin), nimmt mich mit nach unten in den Garten und da kann ich dann mal kontrollieren, was sich über Nacht dort so getan hat. Und wenn ich dann alles durchgecheckt habe und ein bisschen rumgejoggt bin (ich bin schließlich ein Sport-Hund), bin ich froh, wenn ich wieder oben sein darf um zu dösen, meine Hundezeitschriften zu lesen, und das zu tun, was ein Hund so tut, wenn er seine Ruhe hat.
Später fährt mich mein Chauffeur – der, der mich Sir Emil nennt (endlich hat es mal jemand begriffen, dass ich von adeliger Herkunft bin), in die Praxis zur Chefin. Dort kann ich wichtige Dinge tun: Würdevollen Blickes auf meiner Decke liegen und nicht auszuflippen, wenn mal jemand etwas lauter vor der Praxis durch den Eingangsbereich geht, gucken, ob das Altpapier etwas zerkleinert werden muss. Manchmal muss ich mit der Chefin üben von der einen Decke im Büro auf die andere Decke in den Behandlungsraum zu wechseln. So richtig mit Kommando und so. Sehr wichtig, aber Kinderkram. Heute hat sie sich wohl etwas Komplexeres ausgedacht. Hat was mit Tasche-tragen zu tun. Pfffft, kann ich doch schon längst. Mach ich dann auch vielleicht. Mal sehn.
Sie macht sich zu viele Gedanken um mich. Das soll aufhören! Gestern abend in der Junghunderunde war sie so schön entspannt. Warum kann sie das nicht auch noch montags sein? Ich krieg mich schon wieder ein, wenn ich mich mal vor dem dunklen Treppenhaus fürchte, oder vor der Mülltonne, die da gestern noch nicht stand, oder ich nicht so weiß, ob der Mann, der mit der Chefin spricht, gut oder ein Halunke ist. Dann muss ich eben mal ein bisschen bellen. Ich hab doch auch schon begriffen, dass Fahrradfahrer komplette Langweiler sind. Vermutlich sind es Leute, die auf mich zugehen ebenfalls. Vermutlich.
Ich sollte es machen, wie dieser Rico aus dem Tierheim in Koblenz: Ich buche mir mal einen Menschen-Trainer. Ich glaube, es sind Einzelstunden angesagt. Und zwar viele! Sie muss lernen, geduldiger mit sich selbst, zuversichtlicher und gelassener zu werden. Und natürlich sollte es jemand sein, der ihr erklärt, dass meine Futterrationen viel zu klein sind und ich eigentlich IMMER einen Kauchknochen zur Verfügung haben sollte. Kennt Ihr da jemanden?

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Verzockt!

Emil hat gestern aus Arroganz auf die Hälfte seiner Futterration verzichtet (verzichten müssen).
Wenn wir abends unterwegs sind, apportiert er in der Regel schon sehr zuverlässig einen gefüllten Futterbeutel. Heute Abend ist er nach dem Kommando “Hol’s!” brav hingerannt, hat den Beutel geholt, dann übermütig eine rieeeesen Runde durch die ungemähte Wiese gedreht und beim “Hiiier-Rufen” den Beutel einfach fallengelassen um ein bisschen zu grasen. So von wegen “ICH bin der mit der Supernase, ICH weiß jederzeit, wo der Beutel liegt … Außerdem hab ICH Zeit! Und DU dagegen hast KEINE AHNUNG.” Und Emil kam dann doch noch in Zeitlupe zu mir geschlendert. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte: anstatt ihn nochmal mit “Such!” loszuschicken, habe ich die Leine genommen und bin mit ihm einfach weitergegangen. Das waren mir die Dreieurofünfzig für den Beutel wert. Irgendein Wildschwein hat sich gefreut. Und Emil hat sehr lange gestaunt.

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